Einfahrphase im Meerwasseraquarium – wann können die ersten Tiere einziehen?

Die Einfahrphase ist die Zeit, in der aus einem frisch eingerichteten Meerwasseraquarium Schritt für Schritt ein biologisch arbeitendes Riffaquarium entsteht. Bakterien und andere Mikroorganismen besiedeln Riffgestein, Bodengrund und weitere Oberflächen, Biofilme entstehen und der Nährstoffkreislauf entwickelt sich. Dabei können braune oder grüne Beläge auftreten und die Wasserwerte verändern sich. Das Wichtigste vorweg: Ein Meerwasseraquarium ist nicht automatisch nach zwei, vier oder sechs Wochen „eingefahren“. Entscheidend ist die tatsächliche Entwicklung Deines Beckens – nicht der Kalender.

Meerwasseraquarium für Anfänger – Dein Einstieg ins eigene Riff
Hier begleiten wir Dich von der Planung und Technik über Wasserwerte und Einfahrphase bis zum ersten Besatz.

Was passiert während der Einfahrphase?
Direkt nach dem Start beginnt die biologische Besiedlung des Aquariums. Mikroorganismen vermehren sich auf Riffgestein, Bodengrund, Scheiben, Filtermaterial und Technik. Gleichzeitig entwickeln sich Prozesse, durch die organische Stoffe und Nährstoffe umgewandelt werden. Wie schnell das geschieht, hängt unter anderem vom verwendeten Riffmaterial, Bodengrund, Startkonzept, der Wasserqualität und den biologischen Ausgangsbedingungen ab. Deshalb können zwei am selben Tag gestartete Aquarien nach einigen Wochen vollkommen unterschiedlich aussehen. Eine starre Abfolge von „Einfahrphasen“, die jedes Aquarium zwingend durchlaufen muss, gibt es nicht.

Wie lange dauert die Einfahrphase im Meerwasseraquarium?
Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht. Aussagen wie „nach vier Wochen können die ersten Tiere einziehen“ sind deshalb zu pauschal. Wichtiger ist, ob die Technik zuverlässig arbeitet, Temperatur und Salinität stabil sind, sich die Wasserwerte nachvollziehbar entwickeln und keine akute problematische Belastung vorliegt. Auch nach dem ersten Besatz entwickelt sich die Biologie weiter. Ein Meerwasseraquarium ist ein dynamisches Ökosystem und wird nicht an einem bestimmten Tag plötzlich „fertig“.

Wasserwerte im Meerwasseraquarium – die wichtigsten Werte im Überblick
Hier findest Du die wichtigsten Wasserwerte und erfährst, warum ihre Entwicklung oft wichtiger ist als ein einzelner vermeintlich perfekter Messwert.

Welche Wasserwerte solltest Du während der Einfahrphase kontrollieren?
Gerade zu Beginn solltest Du nicht versuchen, möglichst viele Werte ständig zu korrigieren. Kontrolliere die grundlegenden Parameter regelmäßig und beobachte vor allem deren Entwicklung.
Temperatur
Salinität
KH
Nitrat
Phosphat
Später werden bei wachsendem Korallenbesatz auch Calcium und Magnesium zunehmend interessant. Einzelne Messwerte solltest Du dabei immer im Zusammenhang mit dem gesamten Aquarium betrachten. Gerade Nitrat und Phosphat sollten nicht mit allen Mitteln auf 0,00 gedrückt werden. Auch sehr niedrige oder nicht nachweisbare Nährstoffe können ungünstig sein.

Sind Algen und braune Beläge in der Einfahrphase normal?
Biofilme und unterschiedliche Beläge gehören bei vielen jungen Meerwasseraquarien zur Entwicklung. Häufig treten beispielsweise braune Beläge auf, die vorschnell als Problem angesehen werden. Dahinter können unter anderem Kieselalgen stecken. Nicht jedes Aquarium muss jedoch eine ausgeprägte „Kieselalgenphase“ durchlaufen und nicht jeder braune Belag besteht automatisch aus Kieselalgen. Beobachte deshalb zunächst, was tatsächlich entsteht, statt jeden Belag sofort zu bekämpfen.

Kieselalgen im Meerwasseraquarium verstehen
Hier erfährst Du, warum Kieselalgen auftreten können, wie Du sie erkennst und wann Handlungsbedarf besteht.

Wann können die ersten Tiere einziehen?
Der erste Besatz sollte nicht nach einer festen Anzahl von Tagen erfolgen. Tiere sollten dann einziehen, wenn die Bedingungen zu ihren Bedürfnissen passen. Temperatur und Salinität sollten stabil sein, die Technik zuverlässig funktionieren und die grundlegenden Wasserwerte sollten sich nachvollziehbar entwickeln. Zusätzlich muss bei Tieren, die sich von Aufwuchs oder anderen natürlichen Nahrungsquellen ernähren, bereits ausreichend Nahrung vorhanden sein. Der Besatz erfolgt anschließend besser schrittweise als in einem großen Schwung. So kann sich das biologische System an die zunehmende Belastung anpassen und Du erkennst leichter, wie Dein Aquarium auf neue Bewohner reagiert.

Wann kann die erste Cleaning-Crew einziehen?
Schnecken, Einsiedler und andere Mitglieder einer Cleaning-Crew sollten nicht vorsorglich direkt nach dem Start eingesetzt werden. Viele dieser Tiere ernähren sich von Algenaufwuchs, Biofilmen oder organischen Resten. Ist davon noch kaum etwas vorhanden, fehlt ihnen schlicht die Nahrungsgrundlage. Warte deshalb, bis sich tatsächlich geeigneter Aufwuchs entwickelt hat, und wähle Anzahl und Arten passend zum vorhandenen Angebot.

Die erste Cleaning-Crew zusammenstellen
Hier zeigen wir Dir, wie Du eine Cleaning-Crew passend zu Deinem Aquarium zusammenstellst.

Cleaning-Crew im Shop suchen

Wie groß sollte die erste Cleaning-Crew sein?
Die einfache Antwort lautet: nicht größer als nötig. Eine pauschale Regel wie „eine Schnecke pro zehn Liter“ berücksichtigt weder die Art des Tieres noch das tatsächliche Nahrungsangebot. Ein junges Aquarium mit wenig Aufwuchs benötigt keine große Cleaning-Crew. Entsteht später mehr Aufwuchs, kannst Du gezielt ergänzen. Damit vermeidest Du, dass Tiere eingesetzt werden, für die das Aquarium noch gar nicht genügend Nahrung bereitstellt.

Wann können die ersten Korallen einziehen?
Auch für die ersten Korallen gibt es keinen festen Termin. Wenn die grundlegenden Wasserwerte stabil sind, die Technik zuverlässig arbeitet und keine akute problematische Entwicklung erkennbar ist, können geeignete robuste Korallen schrittweise eingesetzt werden. Ein junges Aquarium muss dafür nicht monatelang vollkommen leer bleiben. Gleichzeitig solltest Du nicht sofort einen kompletten Korallenbesatz einsetzen. Wenige erste Korallen liefern Dir wertvolle Hinweise darauf, wie Tiere auf Beleuchtung, Strömung, Wasserwerte und die allgemeine Entwicklung des Aquariums reagieren.

Welche Korallen eignen sich für Anfänger?
Unsere Kaufberatung hilft Dir bei der Auswahl geeigneter erster Korallen.

Welche Korallen können für den Einstieg interessant sein?
Welche Koralle tatsächlich geeignet ist, hängt immer von Deinem Aquarium ab. Auch eine robuste Koralle ist nicht automatisch anspruchslos. Beleuchtung, Strömung, Wasserwerte, Platzbedarf und das Wachstum müssen zur jeweiligen Art passen. Als mögliche Kandidaten können je nach Bedingungen beispielsweise Zoanthus, Sarcophyton, Caulastrea oder Duncanopsammia interessant sein. Setze aber nicht einfach alle genannten Arten ein, sondern wähle Korallen passend zu Deinem konkreten Becken.

Neue Korallen richtig eingewöhnen
Die erste Koralle sollte nicht nur zu den Wasserwerten passen. Auch Beleuchtung und Strömung können sich deutlich von den bisherigen Haltungsbedingungen unterscheiden. Gib einer neuen Koralle deshalb Zeit zur Anpassung und setze sie nicht automatisch sofort an den vermeintlich endgültigen Standort.

Korallen richtig eingewöhnen
Hier erklären wir Dir, wie Du neue Korallen kontrolliert an die Bedingungen in Deinem Meerwasseraquarium gewöhnst.

Woran erkennst Du, dass sich Dein Aquarium stabil entwickelt?
Es gibt keinen einzelnen Messwert und kein sichtbares Zeichen, das die Einfahrphase offiziell beendet. Entscheidend ist das Gesamtbild über einen längeren Zeitraum. Temperatur und Salinität bleiben stabil, die Wasserwerte entwickeln sich nachvollziehbar, Technik und Abschäumung laufen zuverlässig, Beläge verändern sich nicht ständig extrem und bereits eingesetzte Tiere zeigen ein normales Verhalten beziehungsweise Korallen ein gutes Polypenbild. Stabil bedeutet dabei nicht, dass jeder Messwert jeden Tag exakt identisch sein muss. Kleine Veränderungen gehören zu einem lebenden Riffaquarium.

Warum solltest Du den Besatz langsam erhöhen?
Mit jedem neuen Tier verändert sich das System. Fütterung, Ausscheidungen, Nährstoffverbrauch und organische Belastung nehmen zu. Setzt Du sehr viele Tiere gleichzeitig ein, muss sich das junge Aquarium schlagartig an eine deutlich höhere Belastung anpassen. Bei einem schrittweisen Besatz kannst Du dagegen beobachten, wie sich Wasserwerte und Tiere entwickeln. Treten Probleme auf, lässt sich außerdem wesentlich leichter nachvollziehen, was sich zuletzt verändert hat.

Musst Du während der Einfahrphase Wasser wechseln?
Auch dafür gibt es keine starre Regel. Ein Wasserwechsel kann bei einem konkreten Anlass sinnvoll sein, sollte aber nicht reflexartig erfolgen, nur weil ein junges Aquarium noch nicht perfekt aussieht. Gerade während der Einfahrphase ist es wenig hilfreich, gleichzeitig Wasserwechsel, Beleuchtung, Nährstoffe, Filterung und verschiedene Zusätze stark zu verändern. Je mehr Faktoren Du gleichzeitig veränderst, desto schwieriger wird es, die Reaktion des Aquariums richtig einzuordnen.

Was solltest Du in der Einfahrphase vermeiden?
Tiere ausschließlich nach einem festen Zeitplan einsetzen
Eine große Cleaning-Crew ohne ausreichendes Nahrungsangebot einsetzen
Jeden sichtbaren Belag sofort bekämpfen
Nitrat und Phosphat unbedingt auf 0,00 bringen
Mehrere Mittel und Bakterienpräparate gleichzeitig verwenden
Wasserwerte aufgrund einer einzelnen Messung hektisch korrigieren
Beleuchtung ständig verändern
Innerhalb weniger Tage sehr viele Tiere einsetzen
Das eigene Aquarium ständig mit anderen Becken vergleichen
Geduld durch immer neue Produkte ersetzen wollen

Praktischer Einfahrplan statt starrer Wochenplan
Technik vollständig in Betrieb nehmen
Temperatur und Salinität stabilisieren
Biologische Entwicklung und erste Biofilme beobachten
Grundlegende Wasserwerte regelmäßig kontrollieren
Natürlichen Aufwuchs entstehen lassen
Cleaning-Crew erst bei vorhandenem Nahrungsangebot einsetzen
Erste geeignete Korallen schrittweise einsetzen
Reaktion der Tiere und Wasserwerte beobachten
Besatz langsam erweitern
Bei Problemen zuerst Ursache suchen und nicht mehrere Faktoren gleichzeitig verändern
Zwischen diesen Schritten stehen bewusst keine Angaben wie „Woche 2“, „Woche 4“ oder „ab Tag 30“. Genau das ist der entscheidende Punkt: Dein Aquarium bestimmt das Tempo.

Wann ist die Einfahrphase beendet?
Eine scharfe Grenze gibt es nicht. Praktisch kannst Du davon ausgehen, dass die erste Einfahrphase weit fortgeschritten ist, wenn die Technik zuverlässig arbeitet, die grundlegenden Wasserwerte stabil beziehungsweise nachvollziehbar sind, erste Tiere dauerhaft gut stehen und das Aquarium auf kleine Veränderungen zunehmend stabil reagiert. Auch danach entwickelt sich die Biologie weiter. Ein Riffaquarium ist kein fertiges Produkt, sondern ein lebendes System.

Fazit
Bei der Einfahrphase im Meerwasseraquarium geht es nicht darum, möglichst lange auf einen bestimmten Tag zu warten. Entscheidend ist, ob sich stabile Bedingungen entwickeln und das Aquarium für die Bedürfnisse der geplanten Tiere bereit ist. Eine Cleaning-Crew sollte erst einziehen, wenn tatsächlich genügend Nahrung vorhanden ist. Geeignete erste Korallen können folgen, wenn Technik und grundlegende Wasserwerte stabil sind. Erweitere den Besatz anschließend Schritt für Schritt und beobachte, wie Dein Aquarium reagiert. Gerade am Anfang ist kontrolliertes Beobachten häufig sinnvoller als ständiges Eingreifen.

Haftungsausschluss
Die Inhalte wurden sorgfältig und nach bestem Wissen erstellt und dienen als Orientierung. Jedes Meerwasseraquarium entwickelt sich individuell. Zeitpunkt und Umfang des ersten Besatzes müssen deshalb an Startmethode, Wasserwerte, Technik, vorhandenes Nahrungsangebot und die Bedürfnisse der jeweiligen Tiere angepasst werden.

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Gerd Raabe
Korallenland by Raabe Aquaristik
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