Plagegeister im Meerwasseraquarium
Fast jeder Meerwasseraquarianer entdeckt irgendwann Tiere, Algen oder andere Organismen im Aquarium, die er selbst gar nicht bewusst eingesetzt hat. Besonders mit neuen Korallen, Ablegersteinen oder Lebendgestein können zahlreiche kleine Mitbewohner ins Riff gelangen.
Wichtig ist dabei: Nicht jeder unbekannte Bewohner ist automatisch ein Plagegeist. Viele sogenannte blinde Passagiere sind völlig harmlos oder sogar nützlich. Andere können sich stark vermehren, Korallen vernesseln, Gewebe schädigen oder andere Tiere beeinträchtigen.
Der wichtigste erste Schritt lautet deshalb immer: möglichst sicher bestimmen, bevor Du bekämpfst.
Eine falsche Behandlung kann mehr Schaden verursachen als der vermeintliche Plagegeist selbst.
Was ist überhaupt ein Plagegeist?
Der Begriff Plagegeist ist kein biologischer Fachbegriff. In der Meerwasseraquaristik werden damit meist Organismen bezeichnet, die:
Korallen schädigen
Andere Tiere fressen
Sich sehr stark vermehren
Stellflächen überwachsen
Andere Organismen verdrängen
Die Pflege des Aquariums erheblich erschweren
Nicht jedes Tier, das ungewohnt aussieht oder plötzlich auftaucht, erfüllt diese Kriterien.
Gerade kleine Amphipoden oder viele andere unscheinbare Wirbellose gehören häufig ganz normal zur biologischen Gemeinschaft eines Riffaquariums.
Warum ist die richtige Bestimmung so wichtig?
Viele Organismen sehen sich auf den ersten Blick ähnlich.
Ein brauner Belag kann beispielsweise aus Kieselalgen, Cyanobakterien oder anderen Mikroorganismen bestehen. Ein unbekannter Wurm kann ein nützlicher Resteverwerter oder tatsächlich problematisch sein.
Deshalb solltest Du nie allein nach der Farbe oder einem unscharfen Foto behandeln.
Hilfreich sind:
Gutes Foto
Makroaufnahme
Beobachtung bei Tageslicht
Beobachtung nachts
Fundort
Bewegungsverhalten
Fraßverhalten
Betroffene Korallenart
Verlauf über mehrere Tage
Bei sehr kleinen Organismen oder schwer unterscheidbaren Belägen kann zusätzlich eine mikroskopische Untersuchung sinnvoll sein.
Wie gelangen Plagegeister ins Aquarium?
Die häufigsten Eintragswege sind:
Neue Korallen
Ablegersteine
Lebendgestein
Makroalgen
Gestein aus anderen Aquarien
Gebrauchte Dekoration
Teilweise gebrauchte Technik
Besonders neue Korallen solltest Du deshalb nicht nur nach ihrer Farbe und ihrem Polypenbild beurteilen, sondern den gesamten Ablegerstein kontrollieren.
Wie Du neue Tiere möglichst kontrolliert einsetzt, erklären wir unter Korallen richtig eingewöhnen.
Warum ist Lebendgestein gleichzeitig Vorteil und Risiko?
Lebendgestein bringt eine sehr vielfältige biologische Gemeinschaft ins Aquarium.
Dazu können gehören:
Bakterien
Schwämme
Würmer
Kleinkrebse
Schnecken
Algen
Andere Mikroorganismen
Genau diese Vielfalt ist einer seiner großen Vorteile. Gleichzeitig können unerwünschte Organismen mit eingebracht werden.
Deshalb bedeutet ein unbekannter Bewohner auf Lebendgestein nicht automatisch, dass Du ihn entfernen solltest.
Glasrosen – frühzeitig erkennen
Glasrosen gehören zu den bekanntesten unerwünschten Bewohnern im Meerwasseraquarium.
Die kleinen Anemonen können sich vermehren und benachbarte Korallen durch ihre Nesselzellen beeinträchtigen.
Typische Merkmale sind:
Länglicher Körper
Kranz aus Tentakeln
Braune bis transparente Färbung
Schnelles Zusammenziehen bei Berührung
Wachstum in Spalten und auf Ablegersteinen
Einzelne Glasrosen lassen sich wesentlich leichter kontrollieren als ein großer Bestand. Deshalb ist frühes Handeln sinnvoll.
Wie Du dabei gezielt vorgehst, findest Du unter Glasrosen bekämpfen.
Warum solltest Du Glasrosen nicht einfach abreißen?
Beim unkontrollierten Abreißen können Gewebereste zurückbleiben oder verteilt werden.
Das macht die Situation möglicherweise schwieriger.
Behandle Glasrosen deshalb möglichst kontrolliert und vermeide hektisches Zerreißen mitten im Riff.
Besonders bei einem kleinen Befall ist eine gezielte Vorgehensweise meist wesentlich einfacher.
Kugelalgen – grüne Blasen im Riff
Kugelalgen erscheinen als grüne, häufig glänzende Blasen auf Riffgestein oder Ablegersteinen.
Einzelne Kugeln sind zunächst kein Notfall.
Ein größerer Bestand kann jedoch:
Freie Oberflächen besiedeln
Zwischen Korallen wachsen
Ablegersteine überwuchern
Die Pflege erschweren
Kleine Bestände solltest Du deshalb möglichst früh mechanisch entfernen.
Mehr dazu findest Du unter Kugelalgen entfernen.
Müssen Kugelalgen unbedingt ohne Beschädigung entfernt werden?
Wenn möglich, solltest Du sie möglichst vollständig lösen.
Sollte dabei eine Kugel beschädigt werden, ist das aber kein Grund zur Panik.
Sauge sichtbare Reste möglichst direkt ab und kontrolliere die Stelle später erneut.
Wichtiger als die Angst vor einer einzelnen geplatzten Kugel ist eine konsequente Nachkontrolle.
Bryopsis – hartnäckige Grünalge
Bryopsis gehört zu den besonders hartnäckigen Grünalgen.
Typisch ist häufig ein fein verzweigtes, feder- oder farnartiges Wachstum.
Sie kann:
Sehr fest am Gestein sitzen
Aus kleinen Resten erneut austreiben
Zwischen Korallen wachsen
Ableger überwachsen
Große Riffbereiche besiedeln
Besonders wichtig ist die Abgrenzung zu gewöhnlichen Fadenalgen.
Unsere ausführliche Vorgehensweise findest Du unter Bryopsis bekämpfen.
Bryopsis oder Fadenalgen?
Nicht jeder grüne Faden ist Bryopsis.
Gewöhnliche Fadenalgen sind häufig einfacher aufgebaut, während Bryopsis oft deutlich fein verzweigt wirkt.
Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Bekämpfungsstrategie unterschiedlich sein kann.
Bestimme deshalb zuerst, bevor Du gezielt behandelst.
Cyanobakterien – keine Algen
Cyanobakterien werden häufig als rote Schmieralgen bezeichnet, gehören biologisch aber zu den Bakterien.
Sie können unterschiedliche Farben zeigen:
Rot
Violett
Braun
Dunkelgrün
Teilweise nahezu schwarz
Typisch sind häufig zusammenhängende, schleimige Beläge.
Cyanobakterien können unter sehr unterschiedlichen Bedingungen auftreten. Ein Befall beweist deshalb nicht automatisch einen bestimmten Fehler bei Nitrat oder Phosphat.
Die ausführliche Ursachenfindung findest Du unter Cyanobakterien erkennen.
Sind Cyanobakterien immer ein Zeichen schlechter Wasserwerte?
Nein.
Auch in grundsätzlich gut gepflegten Aquarien können Cyanobakterien auftreten.
Nitrat, Phosphat, organische Ablagerungen, Strömung und biologische Veränderungen können eine Rolle spielen.
Daraus folgt aber nicht, dass Du Nitrat oder Phosphat auf Verdacht drastisch verändern solltest.
Betrachte die gesamten Wasserwerte und den Verlauf des Systems.
Dinoflagellaten – sichere Bestimmung besonders wichtig
Dinoflagellaten können braune bis goldbraune Beläge, Schleim und teilweise Gasblasen bilden.
Das Problem: Das Aussehen allein reicht für eine zuverlässige Bestimmung häufig nicht aus.
Verschiedene Dinoflagellaten können sich in Verhalten und sinnvoller Behandlung unterscheiden.
Eine mikroskopische Untersuchung ist deshalb bei Verdacht besonders wertvoll.
Behandle einen braunen Belag nicht automatisch als Dinoflagellaten, nur weil sich Gasblasen darin befinden.
Warum ist eine Mikroskop-Bestimmung bei Dinoflagellaten sinnvoll?
Braune Beläge können beispielsweise mit:
Kieselalgen
Cyanobakterien
Dinoflagellaten
anderen Mikroorganismen
verwechselt werden.
Eine falsche Diagnose führt schnell zu völlig falschen Maßnahmen.
Deshalb ist hier die Bestimmung wichtiger als eine schnelle Behandlung.
Kieselalgen sind nicht automatisch Plagegeister
Besonders in jungen Aquarien können Kieselalgen als braune Beläge auftreten.
Sie stehen unter anderem mit verfügbarem Silikat in Zusammenhang.
Ein typischer Kieselalgenbelag während der Entwicklung eines jungen Aquariums ist nicht mit einem parasitären Korallenschädling gleichzusetzen.
Deshalb solltest Du auch hier zunächst verstehen, was tatsächlich wächst.
Borstenwürmer – meistens nützlicher als ihr Ruf
Nicht jeder Borstenwurm ist ein Schädling.
Viele typische Borstenwürmer sind nützliche Resteverwerter und ernähren sich von:
Futterresten
Detritus
Aas
Abgestorbenem organischem Material
Entferne deshalb nicht automatisch jeden Wurm, den Du nachts im Riff entdeckst.
Unser Ratgeber Borstenwürmer – Nützlich oder schädlich? erklärt die Unterschiede ausführlich.
Was ist bei Feuerborstenwürmern anders?
Bestimmte Feuerborstenwürmer können tatsächlich problematisch sein.
Ein bekanntes Beispiel ist Hermodice carunculata.
Solche Tiere können Nesseltiere beziehungsweise Korallen schädigen und besitzen auffällige Borsten, die bei Berührung Hautreizungen verursachen können.
Unbekannte Borstenwürmer solltest Du deshalb nie mit bloßen Händen greifen.
Warum sitzt ein Borstenwurm manchmal an einer sterbenden Koralle?
Weil viele Borstenwürmer abgestorbenes organisches Material fressen.
Das Tier kann deshalb erst nach dem ursprünglichen Gewebeschaden an der Koralle erscheinen.
Ein Borstenwurm an einer geschädigten Koralle beweist nicht, dass er die Ursache war.
Bei tatsächlichem Gewebeverlust solltest Du zusätzlich Korallenkrankheiten und andere Stressursachen prüfen.
Asterina-Seesterne – nicht automatisch schädlich
Kleine sogenannte Asterina-Seesterne werden häufig als Plagegeist eingeordnet.
Viele der im Hobby so bezeichneten kleinen Seesterne leben jedoch unauffällig von Biofilmen, Algenbelägen und organischen Resten.
Eine größere Population allein beweist deshalb noch keinen Korallenschaden.
Problematisch wird die Situation erst dann, wenn Du tatsächlich wiederholte Schäden beobachtest und einen Zusammenhang zum Tier plausibel herstellen kannst.
Warum solltest Du Asterina nicht allein nach der Anzahl beurteilen?
Eine große Population zeigt zunächst, dass ausreichend Nahrung und Lebensraum vorhanden sind.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Tiere Korallen fressen.
Beobachte deshalb:
Welche Flächen werden abgeweidet?
Sind echte Fraßstellen vorhanden?
Sind nur bereits geschädigte Korallen betroffen?
Nimmt die Population stark zu?
Behandle konkrete Beobachtungen und nicht den Ruf eines Tieres.
Strudelwürmer und Turbellarien
Der Begriff Strudelwürmer beziehungsweise Turbellarien wird in der Aquaristik für verschiedene flache wurmartige Organismen verwendet.
Einige leben völlig unauffällig. Andere können sich auf Korallen vermehren oder deren Oberfläche bedecken.
Problematisch kann ein stärkerer Bestand werden, wenn:
Korallengewebe bedeckt wird
Licht abgeschirmt wird
Polypenöffnung beeinträchtigt wird
Korallen sichtbar geschädigt werden
Eine genaue Bestimmung ist auch hier wichtig.
Korallenfressende Strudelwürmer
Bestimmte spezialisierte Strudelwürmer können einzelne Korallengruppen befallen.
Besonders bekannt sind Probleme bei Acropora.
Mögliche Hinweise sind:
Lokale Fraßstellen
Helle Bereiche
Ungewöhnlich schlechtes Polypenbild
Gut getarnte flache Tiere
Eigelege an geschützten Stellen
Wenn eine Acropora trotz plausibler Bedingungen lokale Schäden zeigt, solltest Du deshalb auch gezielt nach Schädlingen suchen.
Auch Montipora kann spezialisierte Schädlinge haben
Auch Montipora kann von spezialisierten Fraßschädlingen betroffen sein.
Kontrolliere besonders:
Unterseiten
Korallenränder
Abgeschattete Bereiche
Ablegersteine
Eigelege
Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum neue Korallen vor dem Einsetzen gründlich kontrolliert werden sollten.
Warum sind Eigelege besonders problematisch?
Viele Behandlungsmethoden wirken besser auf bewegliche Tiere als auf Eier.
Ein Korallenbad kann deshalb einzelne Schädlinge lösen, bietet aber keinen vollständigen Schutz.
Kontrolliere neue Korallen deshalb zusätzlich optisch.
Besonders interessant sind:
Unterseiten
Kahle Skelettstellen
Vertiefungen
Ränder des Ablegersteins
Ungewöhnliche kleine Gelege
Vermetidenschnecken – sessile Röhrenschnecken
Vermetidenschnecken leben fest in kalkigen Röhren.
Sie werfen Schleimnetze ins Wasser, mit denen sie Nahrungspartikel einfangen.
In größerer Zahl oder direkt neben empfindlichen Korallen können diese Netze störend wirken und das Polypenbild beeinträchtigen.
Einzelne Tiere lassen sich je nach Position mechanisch kontrollieren.
Achte darauf, die Kalkröhre nicht einfach nur oberflächlich abzubrechen, wenn das Tier tiefer darin weiterlebt.
Räuberische Schnecken
Nicht jede Schnecke im Meerwasseraquarium frisst Algen.
Es gibt Arten, die sich von:
Anderen Schnecken
Muscheln
Korallengewebe
anderen Wirbellosen
ernähren können.
Deshalb ist die genaue Bestimmung eines unbekannten Schneckengehäuses wichtig.
Entferne nicht pauschal jede unbekannte Schnecke, beobachte aber ihr tatsächliches Verhalten.
Räuberische Krabben
Auch bei Krabben gilt: Nicht jede unbekannte Krabbe ist automatisch gefährlich.
Viele Tiere leben versteckt und verwerten Algen, Detritus oder Futterreste.
Andere Arten können jedoch:
Korallen beschädigen
Schnecken angreifen
Andere Wirbellose erbeuten
Kleine Fische gefährden
Beobachte insbesondere Scherenform, Aktivität und Fraßverhalten.
Eine reine nächtliche Sichtung ist noch kein Beweis für räuberisches Verhalten.
Warum ist die Beobachtung wichtiger als das Aussehen allein?
Ein Tier kann auffällig aussehen und völlig harmlos sein.
Ein anderes wirkt unscheinbar und verursacht tatsächlich Schäden.
Deshalb solltest Du nach einem unbekannten Bewohner fragen:
Was frisst er?
Wann ist er aktiv?
Wo hält er sich auf?
Welche Schäden treten tatsächlich auf?
Passt der Schaden räumlich zum Tier?
Erst daraus entsteht eine sinnvolle Einschätzung.
Sind Schnecken, Würmer und Kleinkrebse grundsätzlich verdächtig?
Nein.
Ein biologisch aktives Riff beherbergt zahlreiche kleine Wirbellose.
Viele davon arbeiten sogar für Dich:
Sie fressen Reste
Weiden Biofilme ab
Zerkleinern organisches Material
Bewegen sich durch Spalten
Sind Teil des Nahrungsnetzes
Ein völlig steriles Riff ist nicht das Ziel.
Warum solltest Du harmlose Amphipoden nicht bekämpfen?
Amphipoden gehören zu den typischen kleinen Krebstieren in Meerwasseraquarien.
Viele leben von Detritus, Biofilmen und organischem Material und dienen gleichzeitig verschiedenen Fischen als Nahrung.
Dass nachts viele kleine Tiere über das Gestein laufen, ist deshalb häufig eher ein Zeichen biologischer Vielfalt als ein Plagegeist-Problem.
Was tun bei unbekannten Eiern auf einer Koralle?
Unbekannte Eigelege solltest Du ernst nehmen.
Fotografiere sie und prüfe:
Welche Koralle ist betroffen?
Sind bewegliche Tiere in der Umgebung?
Gibt es Fraßspuren?
Treten die Eier immer an derselben Korallengruppe auf?
Lassen sie sich kontrolliert außerhalb des Aquariums entfernen?
Bei einem Verdacht auf spezialisierte Schädlinge solltest Du die betroffene Koralle besonders sorgfältig untersuchen.
Was tun bei Fraßspuren an Korallen?
Wenn Du tatsächliche Fraßspuren siehst:
Koralle fotografieren
Unterseite kontrollieren
Nachts beobachten
Mit Lupe untersuchen
Ablegerstein kontrollieren
Nach Eigelegen suchen
Andere Korallen derselben Gruppe überprüfen
Bei weiterem Gewebeverlust zusätzlich Korallenkrankheiten berücksichtigen
Nicht jede kahle Stelle ist automatisch ein Fraßschaden.
Kann ein Plagegeist dazu führen, dass Polypen eingezogen bleiben?
Ja.
Direkte Berührung, Fraß, Schleimnetze oder Vernesselung können das Polypenbild beeinflussen.
Dauerhaft eingezogene Polypen können allerdings viele andere Ursachen haben.
Dazu gehören:
Licht
Strömung
Wasserwerte
Standort
Korallenkonkurrenz
Erkrankungen
Mehr dazu findest Du unter Warum ziehen Korallen ihre Polypen ein?.
Warum solltest Du nicht jeden Korallenschaden einem Plagegeist zuschreiben?
Eine geschädigte Koralle kann ebenso unter:
Ungeeigneten Wasserwerten
Lichtstress
Falscher Strömung
Vernesselung durch Nachbarkorallen
Temperaturstress
Krankheiten
leiden.
Wenn Du keinen Schädling tatsächlich beobachten kannst, solltest Du deshalb auch andere Ursachen kontrollieren.
Unser Ratgeber Korallenstress erkennen hilft Dir bei der systematischen Eingrenzung.
Welche Rolle spielen Wasserwerte bei Plagegeistern?
Nicht jeder Plagegeist entsteht durch schlechte Wasserwerte.
Glasrosen, parasitische Würmer oder unerwünschte Schnecken werden beispielsweise in erster Linie eingeschleppt.
Bei Algen, Cyanobakterien oder starken Populationen bestimmter Resteverwerter kann das Nahrungs- und Nährstoffangebot dagegen eine größere Rolle spielen.
Deshalb musst Du zwischen eingeschlepptem Organismus und begünstigenden Umweltbedingungen unterscheiden.
Warum sollte Nitrat nicht automatisch gesenkt werden?
Ein sichtbarer unerwünschter Organismus beweist keinen zu hohen Nitratwert.
Korallen benötigen eine angemessene Nährstoffversorgung.
Senke Nitrat deshalb nur, wenn die tatsächlichen Messwerte und die Entwicklung Deines Aquariums dafür einen nachvollziehbaren Grund liefern.
Warum sollte Phosphat nicht automatisch gesenkt werden?
Dasselbe gilt für Phosphat.
Gerade bei Algen können niedrige Messwerte täuschen, weil ein Teil der Nährstoffe bereits in Biomasse gebunden ist.
Phosphat auf Verdacht möglichst auf null zu drücken, kann Korallen zusätzlich belasten.
Beurteile beide Nährstoffe gemeinsam.
Welche Rolle spielt die Cleaning-Crew?
Eine passend zusammengestellte Cleaning-Crew kann Algenbeläge und organische Reste kontrollieren.
Sie ist jedoch keine universelle Plagegeist-Bekämpfung.
Schnecken, Einsiedler, Seeigel oder Garnelen fressen nicht automatisch:
Glasrosen
Korallenparasiten
Jeden Algenbelag
Jede unerwünschte Schnecke
Setze deshalb Tiere nur dann gezielt ein, wenn ihre Eignung plausibel ist und sie langfristig zu Deinem Aquarium passen.
Warum solltest Du keine Tiere nur als Werkzeug kaufen?
Ein biologischer Helfer bleibt im Aquarium, nachdem das Problem verschwunden ist.
Vor dem Kauf musst Du deshalb berücksichtigen:
Aquariengröße
Endgröße
Vergesellschaftung
Langfristige Ernährung
Verhalten gegenüber Korallen
Ansprüche an das Aquarium
Mehr Tiere sind nicht automatisch eine bessere Lösung.
Ist ein Korallenbad sinnvoll?
Ein geeignetes Korallenbad kann helfen, bestimmte mobile Schädlinge von neuen Korallen zu lösen.
Es kann eine gute zusätzliche Vorsichtsmaßnahme sein.
Es ersetzt jedoch nicht:
Optische Kontrolle
Kontrolle des Ablegersteins
Suche nach Eigelegen
Quarantäne
Denn nicht jeder Organismus und nicht jedes Ei wird durch ein Korallenbad zuverlässig erfasst.
Warum ist Quarantäne die sicherste Methode?
Ein separates Beobachtungssystem gibt Dir Zeit.
Kleine Glasrosen, Würmer oder Eigelege werden möglicherweise erst nach mehreren Tagen sichtbar.
In einem Quarantäne-System kannst Du:
Neue Korallen beobachten
Schädlinge leichter erkennen
Gezielt behandeln
Ablegersteine kontrollieren
Probleme vom Hauptriff fernhalten
Je wertvoller und größer Dein bestehender Korallenbestand wird, desto interessanter kann dieses Vorgehen sein.
Was solltest Du bei einer neuen Koralle kontrollieren?
Korallengewebe
Unterseite
Ablegerstein
Bohrungen und Spalten
Abgestorbene Bereiche
Eigelege
Kleine Schnecken
Würmer
Krabben
Algen
Glasrosen
Andere ungewöhnliche Strukturen
Diese Kontrolle lässt sich am einfachsten durchführen, bevor die Koralle fest ins Riff eingebaut ist.
Solltest Du jeden Ablegerstein entfernen?
Nein.
Das kann bei stark verdächtigen oder stark bewachsenen Steinen sinnvoll sein, ist aber keine pauschale Pflicht.
Bei manchen Korallen lässt sich der Ableger sicher neu befestigen, bei anderen wäre eine unnötige Manipulation zusätzlicher Stress.
Entscheide nach Situation und Korallenart.
Warum solltest Du keine Haushaltsmittel verwenden?
Essig, aggressive Säuren, Reinigungsmittel oder andere Hausmittel werden im Internet für unterschiedliche Plagegeister empfohlen.
Im Meerwasseraquarium können solche Stoffe aber:
Korallengewebe schädigen
Wasserchemie verändern
Wirbellose belasten
Bakterien beeinflussen
Unkontrolliert verteilt werden
Verwende deshalb nur nachvollziehbare, für die jeweilige Anwendung geeignete Methoden.
Warum ist chemische Behandlung nie der erste Reflex?
Ein chemisches Mittel behandelt häufig einen konkreten Organismus, kann gleichzeitig aber andere Bewohner beeinflussen.
Vorher solltest Du wissen:
Was genau ist das Problem?
Wie stark ist der Befall?
Ist mechanische Entfernung möglich?
Gibt es eine passende biologische Methode?
Welche Tiere könnten betroffen sein?
Was sagt der Hersteller zur Anwendung?
Eine möglichst gezielte Maßnahme ist besser als eine Behandlung des gesamten Aquariums auf Verdacht.
Warum solltest Du Plagegeister nicht mit mehreren Mitteln gleichzeitig behandeln?
Wenn Du mehrere Präparate kombinierst, werden Auswirkungen schwer vorhersehbar.
Außerdem weißt Du anschließend kaum, was tatsächlich gewirkt hat.
Vermeide deshalb:
Mehrere Behandlungen gleichzeitig
Eigenmächtige Überdosierung
Verlängerte Einwirkzeiten
Ungeprüfte Kombinationen
Zusätzliche drastische Veränderungen der Wasserwerte
Arbeite systematisch und dokumentiere Deine Maßnahmen.
Wann solltest Du sofort handeln?
Schnelles Handeln ist besonders sinnvoll bei:
Sicher erkanntem korallenfressendem Schädling
Sichtbarem Fraß an gesundem Korallengewebe
Schnell wachsender Glasrosenpopulation direkt zwischen Korallen
Starkem Bryopsis-Befall auf kleinen Ablegern
Schnell zunehmenden parasitischen Organismen
Deutlichen Eigelegen eines bekannten Schädlings
Akuter Gefahr für Korallen oder andere Tiere
Schnell handeln bedeutet aber nicht unkontrolliert behandeln.
Wann kannst Du zunächst beobachten?
Eine Beobachtungsphase ist sinnvoll, wenn:
Keine Schäden sichtbar sind
Das Tier nur nachts Reste frisst
Die Art noch nicht bestimmt ist
Es sich möglicherweise um einen nützlichen Resteverwerter handelt
Die Population klein bleibt
Korallen und andere Tiere unauffällig sind
Dann ist ein gutes Foto häufig hilfreicher als sofortige Entfernung.
Was ist bei einem unbekannten Tier die sinnvollste Reihenfolge?
Tier nicht mit bloßen Händen anfassen
Foto oder Video aufnehmen
Größe und Farbe dokumentieren
Fundort merken
Verhalten beobachten
Nach tatsächlichen Schäden suchen
Möglichst bestimmen
Erst danach über Entfernung entscheiden
Was ist bei einem unbekannten Algen- oder Bakterienbelag die sinnvollste Reihenfolge?
Farbe dokumentieren
Struktur betrachten
Leicht lösbar oder fest angewachsen?
Gasblasen vorhanden?
Tagesverlauf beobachten
Wasserwerte prüfen
Mit bekannten Problemarten vergleichen
Bei Bedarf mikroskopisch untersuchen
Erst danach gezielt behandeln
Warum solltest Du den Verlauf fotografieren?
Ein einzelnes Foto zeigt nur einen Moment.
Eine Bildserie kann dagegen zeigen:
Wächst der Bestand?
Bleibt er gleich?
Verschwindet er?
Welche Korallen werden erreicht?
Wie schnell entstehen neue Stellen?
Hat eine Maßnahme tatsächlich geholfen?
Gerade bei langsam zunehmenden Problemen ist das sehr hilfreich.
Typische Fehler bei Plagegeistern
Jeden unbekannten Bewohner sofort als Schädling ansehen
Nützliche Borstenwürmer entfernen
Asterina-Seesterne pauschal als Korallenfresser einstufen
Amphipoden mit Schädlingen verwechseln
Glasrosen unkontrolliert abreißen
Kugelalgen großflächig zerquetschen
Bryopsis mit Fadenalgen verwechseln
Cyanobakterien als gewöhnliche Algen behandeln
Dinoflagellaten nur anhand eines Fotos diagnostizieren
Korallenschäden automatisch einem Plagegeist zuschreiben
Eigelege übersehen
Nur die Oberseite neuer Korallen kontrollieren
Korallenbad als vollständigen Schutz ansehen
Neue Korallen ohne Kontrolle ins Hauptriff setzen
Nitrat und Phosphat wegen jedes Problems auf null senken
Mehrere chemische Mittel gleichzeitig verwenden
Herstellerdosierungen überschreiten
Unpassende Tiere ausschließlich zur Schädlingsbekämpfung einsetzen
Nach einer Behandlung nicht weiter kontrollieren
Glasrosen gezielt bekämpfen
Glasrosen bekämpfen
Glasrosen können benachbarte Korallen vernesseln und sich im Riff ausbreiten. Hier erfährst Du, wie Du einzelne Tiere kontrolliert behandelst und bei größerem Befall sinnvoll vorgehst.
Kugelalgen frühzeitig entfernen
Kugelalgen entfernen
Grüne Kugelalgen lassen sich bei kleinem Bestand meist noch gut mechanisch kontrollieren. Unser Ratgeber zeigt Dir, wie Du sie möglichst gezielt entfernst und den Bereich weiter beobachtest.
Bryopsis richtig erkennen
Bryopsis bekämpfen
Bryopsis sollte möglichst sicher von gewöhnlichen Fadenalgen unterschieden werden. Besonders die frühe mechanische Entfernung und konsequente Nachkontrolle sind wichtig.
Borstenwürmer richtig beurteilen
Borstenwürmer – Nützlich oder schädlich?
Viele Borstenwürmer sind nützliche Resteverwerter. Hier erfährst Du, wann ein Wurm tatsächlich problematisch werden kann und warum Du nicht jeden nächtlichen Mitbewohner entfernen solltest.
Neue Korallen kontrolliert einsetzen
Korallen richtig eingewöhnen
Viele unerwünschte Organismen gelangen über Korallen und Ablegersteine ins Riff. Eine sorgfältige Kontrolle vor dem Einsetzen ist wesentlich einfacher als die spätere Bekämpfung im gesamten Aquarium.
Fazit
Plagegeister im Meerwasseraquarium sind nicht einfach alle Tiere und Organismen, die Du nicht selbst gekauft hast.
Ein biologisch vielfältiges Riff beherbergt zahlreiche nützliche oder harmlose Mitbewohner. Amphipoden, viele Borstenwürmer und zahlreiche kleine Wirbellose gehören häufig ganz selbstverständlich dazu.
Tatsächlich problematisch werden Organismen dann, wenn sie Korallen schädigen, andere Tiere erbeuten, sich stark ausbreiten oder die Funktion des Aquariums beeinträchtigen.
Bei Glasrosen, Kugelalgen und Bryopsis lohnt sich meist eine frühe Kontrolle, bevor sich der Bestand stark ausbreitet.
Bei Borstenwürmern oder Asterina-Seesternen ist dagegen eine differenzierte Beurteilung besonders wichtig.
Zeigt eine Koralle Fraßspuren, Gewebeverlust oder dauerhaft eingezogene Polypen, solltest Du außerdem nicht automatisch nur nach einem Plagegeist suchen. Korallenstress, ungeeignete Wasserwerte und mögliche Korallenkrankheiten können sehr ähnliche Symptome verursachen.
Die wichtigste Regel lautet deshalb: Erst bestimmen, dann handeln.
Unser Tipp
Gewöhne Dir an, jede neue Koralle vor dem Einsetzen unter gutem Licht von allen Seiten zu kontrollieren.
Schau nicht nur auf das schöne Korallengewebe, sondern besonders auf:
Ablegerstein
Unterseite
Spalten
Kahle Stellen
Eigelege
Kleine Würmer
Schnecken
Krabben
Glasrosen
Algen
Wenn Dir ein Organismus unbekannt ist, fotografiere ihn zuerst. Bei einem Tier ohne sichtbare Schäden ist Beobachten häufig besser als vorschnelles Entfernen.
Bei eindeutigem Fraß oder einem schnell zunehmenden Befall solltest Du dagegen früh und möglichst gezielt reagieren.
So schützt Du Deine Korallen, ohne gleichzeitig die nützliche biologische Vielfalt Deines Riffs unnötig zu reduzieren.
Haftungsausschluss
Die Inhalte wurden sorgfältig und nach bestem Wissen erstellt und dienen als Orientierung; individuelle Aquarienbedingungen und das Verhalten einzelner Tiere können abweichen. Unbekannte Organismen sollten möglichst sicher bestimmt werden, bevor eine gezielte Behandlung oder Entfernung erfolgt.
